Der Total Value Locked, also das in DeFi-Protokollen hinterlegte Kapital, ist 2026 deutlich gefallen. Interessanter als die Zahl selbst ist, was gleichzeitig nicht gefallen ist.

Die Zahlen – und ihre Unschärfe

Vorab ein methodischer Hinweis, weil hier viel Verwirrung entsteht: TVL-Angaben unterscheiden sich je nach Stichtag und Erhebung. Für Mitte 2026 kursieren rund 70, 71,77 und 72,5 Milliarden US-Dollar. Die Werte widersprechen sich nicht, sie beziehen sich auf unterschiedliche Momentaufnahmen. Wer TVL-Zahlen vergleicht, muss den Stichtag mitlesen.

Auf Basis einer DeFiLlama-Momentaufnahme vom 18. Juni 2026 lag der TVL bei 71,77 Milliarden US-Dollar über alle erfassten Ketten. Zum Jahresbeginn hatte der Markt bei 114,49 Milliarden gestanden. Das entspricht einem Rückgang von 37,3 Prozent seit Jahresbeginn und 23,8 Prozent in den vorangegangenen 90 Tagen.

Ethereum hält mit 38,24 Milliarden US-Dollar rund 53,1 Prozent des gesamten DeFi-TVL. Die Konzentration auf eine Kette hat also zugenommen, während die Gesamtsumme schrumpfte.

Zum historischen Vergleich: Nach dem Höchststand von rund 177 Milliarden US-Dollar Ende 2021 brach der TVL binnen sieben Monaten um mehr als 70 Prozent auf etwa 51 Milliarden ein. Der aktuelle Rückgang verläuft langsamer und flacher.

Die eigentliche Beobachtung: Kapital ohne Einsatz

Die Stablecoin-Menge liegt weiterhin bei rund 300 bis 315 Milliarden US-Dollar. Sie ist nicht mitgeschrumpft.

Damit liegt der Kern des Befunds offen: Es fehlt nicht an Liquidität, sondern an Bereitschaft, sie in Protokollen einzusetzen. Anlegerinnen und Anleger sind selektiver geworden, was Risiko angeht.

Ein Blick auf die Renditen erklärt, warum. Stablecoin-Kreditzinsen auf großen Plattformen bewegen sich in einer Spanne von etwa 3,5 bis 9 Prozent. Für tokenisierte Treasury-Produkte werden Größenordnungen von 4 bis 5 Prozent genannt. Wer Smart-Contract-Risiko, Liquiditätsrisiko und Liquidationsrisiko übernimmt, wird dafür also kaum besser entlohnt als in deutlich einfacheren Alternativen.

Das ist keine Kapitalflucht aus Panik. Es ist eine Neubewertung des Verhältnisses von Risiko und Rendite.

Der zweite Faktor: Exploits

Im zweiten Quartal 2026 wurden rund 70 Protokolle angegriffen, mit Verlusten von etwa 746 Millionen US-Dollar.

Zwei Vorfälle im April machen den größten Teil aus. Der Angriff auf Drift Protocol kostete 295 Millionen US-Dollar, der KelpDAO-Exploit folgte mit 293 Millionen. Zusammen entfielen auf sie mehr als die Hälfte aller Verluste des Jahres 2026.

Der Folgeeffekt war größer als der unmittelbare Schaden. Nach dem KelpDAO-Vorfall fiel der TVL von Aave innerhalb weniger Tage von 26,4 auf 14,3 Milliarden US-Dollar – ein Rückgang der Einlagen um 46 Prozent. Betroffen war nicht das angegriffene Protokoll, sondern das größte Kreditprotokoll des Sektors.

Das ist die Lektion, die über einzelne Vorfälle hinausreicht: In einem komponierbaren System verhält sich Vertrauen ansteckend. Wer einlegt, sollte davon ausgehen, dass ein Vorfall bei einem Nachbarprotokoll die eigene Position beeinflussen kann, auch ohne technischen Zusammenhang.

Wo Kapital stattdessen hingeht

Nicht alle Ketten verlieren gleichermaßen. TRON verzeichnete ein Plus von rund 5 Prozent, gestützt durch seine Rolle in der USDT-Abwicklung und im Stablecoin-Lending. Hyperliquid legte rund 7 Prozent zu, getragen vom Perpetuals-Handel und dem wachsenden HyperEVM-Ökosystem.

Der Sektor der Kreditprotokolle ist zudem stark konzentriert. Nach einer DeFiLlama-Auswertung von Mitte April 2026 entfielen auf die zehn größten Protokolle 78 Prozent der Einlagen, bei über 380 aktiven Kreditprotokollen auf mehr als 80 Ketten.

Auffällig ist die Zusammensetzung der Kredite: Rund 84 Prozent der ausstehenden DeFi-Schulden lauten auf Stablecoins. Auf der Sicherheitenseite dominieren ETH mit etwa 39 Prozent, Liquid-Staking-Token mit 28 Prozent und Bitcoin-Wrapper mit 14 Prozent.

Was in Deutschland gilt

Zwei Punkte, die in internationalen DeFi-Beiträgen fehlen und für Anlegerinnen und Anleger hierzulande entscheidend sind.

MiCAR hilft hier nur begrenzt. Die Verordnung reguliert Kryptowerte-Dienstleister, also identifizierbare Anbieter. Ein vollständig dezentral betriebenes Protokoll ohne verantwortliches Unternehmen fällt nicht ohne Weiteres unter das CASP-Regime. Praktisch heißt das: Wer über eine lizenzierte Plattform handelt, hat einen beaufsichtigten Ansprechpartner. Wer direkt mit einem Smart Contract interagiert, hat ihn nicht. Es gibt keine Einlagensicherung, keine Beschwerdestelle und keine Aufsicht, die im Schadensfall zuständig wäre.

Die Dokumentationslast liegt bei Ihnen. Erträge aus Lending, Staking und vergleichbaren Aktivitäten sind in Deutschland grundsätzlich als sonstige Einkünfte nach § 22 Nr. 3 EStG zu prüfen, mit einer eigenen Freigrenze von 256 Euro pro Jahr. Werden die erhaltenen Coins später innerhalb eines Jahres mit Gewinn veräußert, kommt zusätzlich § 23 EStG in Betracht.

Die seit Januar 2026 geltende DAC8-Meldepflicht erfasst Kryptodienstleister. Non-custodial-Interaktionen mit Smart Contracts melden sich nicht selbst. Das ist keine Erleichterung, sondern das Gegenteil: Die Rekonstruktion von Anschaffungszeitpunkten, FIFO-Reihenfolge und Zuordnung einzelner Vorgänge bleibt vollständig Ihre Aufgabe – und muss zu dem passen, was das Finanzamt aus anderen Quellen bereits weiß.

Bei DeFi-Aktivität mit nennenswerten Beträgen ist steuerliche Beratung nicht optional. Die Einordnung einzelner Vorgänge, etwa bei Liquidity-Pool-Positionen, Wrapped Token oder Rebase-Mechanismen, ist selbst unter Fachleuten nicht in jedem Punkt unstrittig.

Dieser Beitrag dient der Information und stellt weder Anlage- noch Steuerberatung dar.