Die Frage, ob NFTs tot sind, lässt sich datenbasiert schlechter beantworten, als es scheint. Nicht weil die Daten fehlen, sondern weil sie sich widersprechen.
Das Problem mit den Zahlen
Für die NFT-Marktkapitalisierung im Jahr 2026 kursieren mindestens drei Angaben: rund 2,4 Milliarden, rund 2,7 Milliarden und rund 5,6 Milliarden US-Dollar. Für das Handelsvolumen 2025 werden 5,5 Milliarden genannt, an anderer Stelle 2,8 Milliarden allein für das erste Halbjahr 2025.
Diese Spanne entsteht nicht durch Schlamperei, sondern durch unterschiedliche Definitionen. Wird nur Ethereum gezählt oder auch Solana und Bitcoin Ordinals? Zählen Wash-Trades mit? Wird Marktkapitalisierung über Floor Price mal Stückzahl berechnet oder über tatsächliche Verkäufe? Werden Gaming-Assets einbezogen?
Für die Praxis heißt das: Einzelne NFT-Marktzahlen sind mit Vorsicht zu behandeln. Belastbarer sind Richtungen und Größenordnungen, die mehrere Quellen unabhängig zeigen.
Was mehrere Quellen übereinstimmend zeigen
Der Rückgang ist erheblich und real. Die Marktkapitalisierung fiel von knapp 9 Milliarden US-Dollar im Januar 2025 auf einen Wert im niedrigen einstelligen Milliardenbereich Anfang 2026. Das Handelsvolumen 2025 lag rund 37 Prozent unter dem Wert von 2024.
Die Aktivität ist nicht null. Yat Siu, Mitgründer von Animoca Brands, bezifferte im Januar 2026 gegenüber CoinDesk die monatlichen NFT-Verkäufe auf rund 300 Millionen US-Dollar, gegenüber über einer Milliarde auf dem Höhepunkt 2021/22. Das ist ein Rückgang um etwa 70 Prozent – aber weiterhin ein dreistelliger Millionenbetrag pro Monat.
Die Zahl der Händler ist stärker eingebrochen als das Volumen. Aktive Händler erreichten 2022 einen Höchststand von 529.101 und fielen bis zum ersten Quartal 2025 auf 19.575. Das ist ein Minus von 96 Prozent. Gleichzeitig sollen 42 Prozent der Wallets aus dem Höhepunkt von 2022 im Januar 2026 noch aktiv gewesen sein.
Diese beiden Angaben stehen in Spannung zueinander. Die plausible Auflösung: Wer geblieben ist, handelt seltener. Aus einem Markt von Spekulanten ist einer von Haltenden geworden.
Der Widerspruch, der am meisten erklärt
Über 1,34 Milliarden NFTs wurden im Jahr 2026 geprägt – ein Rekordwert. Gleichzeitig sank der Jahresumsatz weiter.
Angebot explodierte also genau in dem Moment, in dem die Nachfrage einbrach. Das ist die kompakteste Erklärung dafür, warum die überwiegende Mehrheit einzelner NFTs heute praktisch wertlos ist, während einzelne Sammlungen weiterhin Umsatz erzeugen.
Ergänzend: Die zwanzig meistgehandelten Kunst-NFT-Sammlungen aus dem Jahr 2021 verzeichneten bis 2024 im Durchschnitt einen Rückgang von 95 Prozent sowohl beim Handelsvolumen als auch bei der Zahl der Verkäufe.
Die Marktplätze haben sich neu sortiert
Blur erfasst nach Angaben mehrerer Quellen rund 38 Prozent des Ethereum-NFT-Volumens und hat OpenSea über anreizgetriebene Handelsmechaniken überholt. Magic Eden führt bei Solana und Bitcoin Ordinals.
OpenSea selbst hat sich strategisch verschoben und positioniert sich zunehmend als breitere Krypto-Handelsplattform statt als reiner NFT-Marktplatz. Für den Launch eines eigenen Tokens im ersten Quartal 2026 wurde angekündigt, 50 Prozent des Angebots an die Community zu vergeben und die Hälfte der Plattformerlöse für Rückkäufe einzusetzen.
Diese Verschiebung ist selbst ein Datenpunkt. Wenn der bekannteste Anbieter der Kategorie sein Geschäftsmodell verbreitert, ist das eine Aussage über die Kategorie.
Erwähnenswert ist auch, wohin Sammelnachfrage abgewandert ist. Physische Sammlermärkte außerhalb der Kryptowelt sind weiterhin sehr aktiv; für Pokémon-Sammelkarten wird ein Handelsvolumen im zweistelligen Milliardenbereich genannt. Sammelinteresse ist also nicht verschwunden, sondern hat den Ort gewechselt.
Was in Deutschland steuerlich gilt
Dieser Teil fehlt in fast allen internationalen NFT-Beiträgen und ist für Anlegerinnen und Anleger hierzulande der praktisch wichtigste.
NFTs gelten im Privatvermögen als sonstige Wirtschaftsgüter und fallen damit unter § 23 EStG, solange der Handel privat erfolgt. Das bedeutet konkret: Nach mehr als einem Jahr Haltedauer ist ein Veräußerungsgewinn steuerfrei. Innerhalb der Haltefrist gilt die Freigrenze von 1.000 Euro pro Jahr für alle privaten Veräußerungsgeschäfte zusammen.
Wichtig ist der Zusatz „solange der Handel privat erfolgt“. Bei hoher Handelsfrequenz, eigener Prägung zum Weiterverkauf oder werbendem Auftreten kann eine gewerbliche Tätigkeit vorliegen, mit vollständig anderen Folgen. Wo genau die Grenze verläuft, ist einzelfallabhängig.
Royalties aus eigenen NFT-Verkäufen sowie Erträge aus NFT-bezogenen Aktivitäten sind gesondert zu prüfen und fallen nicht automatisch unter § 23 EStG.
Ein praktischer Hinweis unabhängig von der Steuer: Anschaffungsbelege für NFTs sind schwerer zu rekonstruieren als bei Coins, weil Marktplätze verschwinden und Transaktionshistorien mit ihnen. Wer Positionen hält, sollte Transaktionshashes, Anschaffungsdaten und Preise unabhängig vom Marktplatz sichern.
Bei nennenswerten Beträgen oder unklarer Zuordnung ersetzt dieser Beitrag keine steuerliche Beratung.
